Die andere Seite des Künstlerdaseins

Niemand erzählt dir etwas von der Tabelle.

Wenn man sich vorstellt, wie sich ein Künstler auf eine Einzelausstellung vorbereitet, hat man wahrscheinlich ein fast filmisches Bild vor Augen. Ein sonnendurchflutetes Atelier. Ein Maler, der von einer großen Leinwand zurücktritt, den Kopf geneigt, den Pinsel locker in der Hand, nachdenklich. Vielleicht ein Glas Wein. Auf jeden Fall gutes Licht.

Was sie sich dabei nicht vorstellen, ist eine Frau, die an einem Samstagmorgen auf eine Excel-Tabelle starrt und versucht, sich zu erinnern, ob Fliegende Freiheit 20 x 50 oder 50 x 20 misst, ob das für den Preis überhaupt eine Rolle spielt, ob 400 CHF richtig sind und wo genau sie die Datei mit den Fotos abgelegt hat.

Das gehört ebenfalls zu den Aufgaben.

A spreadsheet displaying a list of artworks, including images and descriptions of various flower-themed mixed media pieces. The spreadsheet has columns for titles, mediums, dimensions, and other details. Additionally, a folder on the left contains image files related to flowers.

Und so sieht es so aus: zum Beispiel ein Ordner namens „crow original size“ mit sechs Bildern, von denen eines ausgewählt ist, 1,32 TB noch verfügbarer Speicherplatz auf der Festplatte und eine fortlaufende Liste von Werken, geordnet nach Serien – Krähen, Studien, Gesichter –, jeweils mit Abmessungen, Medium und Preis. Mischtechnik. Mischtechnik. Mischtechnik. Immer Mischtechnik, was zwar eine zutreffende Beschreibung ist, aber irgendwie nie ganz das wiedergibt, was tatsächlich auf der Leinwand entstanden ist.

Die Bilder selbst sind vergleichsweise unkompliziert. Man malt sie. Sie trocknen. Man lackiert sie – erst draussen, denn den Sprühnebel möchte man nicht einatmen – und dann bringt man sie wieder rein, lässt sie aushärten und geht noch mit einem Lack drüber. Dieser Teil hat eine gewisse Regelmässigkeit.

Was keinen Rhythmus hat, ist das Schreiben. Der Ausstellungstext. Das Künstlerstatement. Die Bildunterschriften, die etwas Wahres über ein Krähenbild aussagen müssen, ohne dabei entweder prätentiös oder so bescheiden zu sein, dass sie gar nichts aussagen. Man weiss genau, worum es in dem Bild geht, wenn man es malt. Das in einen Satz zu fassen, den ein Fremder verstehen kann – das ist eine ganz andere Fähigkeit, und niemand hat einen gewarnt, dass man sie brauchen würde.

Dann sind da noch die sozialen Medien. Das ist nicht zu verachten. Die Ausstellung muss offenbar erst online existieren, bevor sie im Raum zu sehen ist – Teaser, Einblicke hinter die Kulissen, Countdown-Beiträge. Man bereitet also gleichzeitig die Ausstellung vor und berichtet über die Vorbereitungen.

Der Arbeitstisch verrät die wahre Geschichte – eine Schachtel mit fertigen Assemblagen, ein fertiges Gesichtsbild, bereit für den Transport, und die Katze, die sich die Lage angesehen und sich entschieden hat, sich komplett herauszuhalten.

A calico cat resting on a marble surface next to a colorful box and an open cardboard box filled with various small items and toys.

Und übrigens, die Ausstellung heisst „Drei Welten – Immer wieder neu“. Die Ausstellung beginnt am 5. Mai um 18:00 Uhr in der Denkbar in St. Gallen (mehr dazu unter Aktuell), und von aussen wird es so aussehen: Bilder an den Wänden, eine Malerin, die erklärt, was sie tut, und Leute die Fragen zum Entstehungsprozess und zur Bedeutung stellen.

Ich hoffe, viele von euch dort zu sehen – kommt vorbei, schaut euch die Bilder und meine Assemblagen an und blättert ein wenig in meinen Kunsttagebüchern.

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